Was ist Spiritualität?

2 Jul

Ich habe endlich eine neue, selbst gebaute Seite mit selbst gebautem Blog. Und was fällt mir als erstes Thema für einen Beitrag ein: Spiritualität.
Bei den vielen Gesprächen in unseren Kaminphilosophen-Runden wurde dieses Thema ja oft angeschnitten, wobei ich merkte, dass ich da schon einen recht artikulierten Standpunkt vertrete, so dass ich mich gerne mal an eine Begriffsdefinition wagen möchte. Insbesondere da Spiritualität von vielen mit Esoterik gleichgesetzt wird, was oft zu einem Abschluss innerhalb eines materialistisch-naiven Paradigmas führt.
Jiddu Krishnamurti hat treffend auf den Punkt gebracht, was eine sinnvolle Definition von Spiritualität sein kann:
"Wie ich schon sagte, mein Ziel ist, die Menschen bedingungslos frei zu machen, denn ich behaupte, daß die einzige Spiritualität die Unbestechlichkeit des Selbst ist, denn diese ist zeitlos, sie ist die Harmonie zwischen Vernunft und Liebe. Das ist die absolute, unbedingte Wahrheit, sie ist das Leben selbst"
Spiritualität hat demnach nichts mit esoterischem Aberglaube oder verrückten Metaphysiken zu tun, sondern ist im Gegenteil genau das, was in Form von "Unbestechlichkeit des Selbst" davor schützt.
Thomas Metzinger, Prof. an der Uni Mannheim, Philosoph und Kognitionswissenschaftler, bringt es wie folgt auf den Punkt: "Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität."
Einfach zusammengefasst sagt Metzinger, dass das in der Religion fehlende Element der Redlichkeit oder auch Skepsis, das in der Wissenschaft hinzukommt, das Leitbild der Spiritualität ist. "Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen."
Während in Religionen Glaubenssysteme am Leben gehalten werden, die sich einer kritischen Überprüfung inhärent entziehen und deren Anhänger dogmatisch ohne positive Begründung und trotz Gegenargumente das glauben, was sie glauben möchten, ist in der Wissenschaft sowie in der spirituellen Praxis eine Ethik des inneren Handelns zu finden, die vorschreibt, nur das zu Glauben, was man auch auch redlich glauben kann.
Das Grundprinzip der intellektuellen Redlichkeit, worauf die Wissenschaften beruhen, kann - Metzinger folgend - als ein Spezialfall des spirituellen, epistemologischen - also auf Erkenntnis ausgerichteten - Prinzips verstanden werden.
Aber inwiefern ist Spiritualität und Wissenschaft verschieden? Wenn die Wissenschaft ein Spezialfall der spirituellen Erkenntissuche ist, was ist dann spirituell aber keine Wissenschaft - jedenfalls im zeitgenössischen Wortsinn?
Auch noch aus dem Vortrag Metzingers heraus zu hören ist: Wissenschaft ist - wie Religion auch - eine kulturelle Disziplin, ein Spiel, das Gruppenmitglieder miteinander spielen. Wissenschaftler definieren im Diskurs untereinander was wahr ist, wobei Skepsis und intellektuelle Redlichkeit sowie die Leitsätze William Kingdon Cliffords
  • Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, etwas aufgrund unzureichender Beweise zu glauben.
  • Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, für die eigenen Überzeugungen relevante Beweise zu ignorieren, oder sie leichtfertig abzuweisen.
davor schützen, in einem Wahnsystem zu enden.

Spiritualität ist also nach Metzinger bzgl. der Motivation und den Anforderungen an Erkenntnisse der Wissenschaft gleich, jedoch ist sie im Gegensatz dazu von einer Person alleine praktizierbar und nicht auf intellektuelle (sprachlich-konzeptionelle) Konstrukte beschränkt, Allerdings - und ab hier gehe ich über den Vortrag Metzingers hinaus - erweitert die Möglichkeit, alleine und im psychischen innern zu praktizieren die Domäne, innerhalb derer Erkenntnisse gewonnen werden können. Wissenschaft, wie sie aktuell verstanden und gelebt wird, insbesondere aber nomothetische Wissenschaften, richten ihren Blick nach aussen in die Welt. Was betrachtet und analysiert wird, muss sprachlich erfassbar sein und von den Kollegen geteilt werden können. Leider schließt dies sämtliche Betrachtungsgegenstände aus, die nur innerhalb der Psyche des Wissenschaftlers existieren.
Aus Angst, in einem Wahnsystem verfangen zu sein, wird innerhalb der Wissenschaft eine möglichst objektive Wahrnehmung dessen, was im aussen ist, angestrebt. Hätte die Rolle des Subjekts einen Einfluss auf die Forschung, würde dies das ganze Unterfangen diskreditieren, da Ergebnisse nie gänzlich objektiv sein könnten - um doch wie gehabt und innerhalb einer Gesellschaft Wissenschaft betreiben zu können, die diese Objektivität fordert, wird der Einfluss des Subjektes ungerne betrachtet.
Spiritualität, als übertragung der Skepsis vom Äusseren auf die eigene Wahrnehmung, das Hinterfragen der eigenen Basissätze (i.S. Poppers), die Reflexion der subjektiven, persönlichen Axiome (mit denen die höchst eigene Wahrnehmung der Welt aufgebaut wird), wäre eine sehr sinnvolle Ergänzung der Wissenschaftsausübung und sicherlich sind viele Wissenschaftler in diesem Sinne spirituell. Auch andere gesellschaftliche Bereiche, allen voran Politik und Wirtschaft, würden von dieser Selbstreflexion ihrer Akteure stark profitieren.
Denn die wesentliche spirituelle Erkenntnis, die nur persönlich - durch spirituelle Praxis (was immer das konkret sein mag) - Erfahren werden kann, die aber meist einen immensen Einfluss auf die Wahrnehmung der äusseren Welt und das Agieren in dieser hat, ist das Wissen um die Konstruktion der eigenen Welt.
Alles, was ich wahrnehme, meine Sicht, mein Gehör, meine Körperwahrnehmung, die Tastatur, auf der ich gerade schreibe, mein Gefühl, meine Gedanken, meine Erinnerungen, meine Perspektiven auf andere Menschen, auf politische Fragen, meine Weltanschuung - alles, was mein Leben ausmacht, sind Konstruktionen meines Geistes, meines Gehirnes vielleicht. Selbst die Annahme, dass mein Gehirn dafür verantwortlich ist, ist eine Konstruktion. Sie zeigt vermutlich auf die Wahrheit, aber sie ist nicht die Wahrheit. Wir alle leben in unserer eigenen Welt, gefüllt mit unseren eigenen Repräsentationen der Wirklichkeit. Das ist nicht schlimm - das aber zu wissen und sich diese Repräsentationen mal genau anzuschauen führt zu einer Offenheit und Sachlichkeit, die meiner subjektiv gefärbten Meinung nach bei noch zu vielen Menschen - insbesondere in Machtpositionen der Politik, wie auch mitunter der Wissenschaft - fehlt.
Auf der abstrakten Ebene den Konstruktivismus verstanden zu haben, ist de facto etwas anderes, als die intime Auseinandersetzung mit und die Erkenntnis der eigenen Konditionierung und Bedingtheit der eigenen Wahrnehmung. Spirituelle Praxis, die über intellektuelle Redlichkeit hinausgeht, bedeutet, sich mit der ganz persönlichen und zum Glück subjektiven Sicht der Welt zu befassen, diese anzunehmen und so Schritt für Schritt Erkenntnisse über die eigene Existenz zu sammeln. Mit jeder Erkenntnis und Auflösung einer Konditionierung erlangt man ein Stück mehr Freiheit im Handeln und Klarheit im Erkennen. Das Erkennen der eigenen Repräsentationen als solche ermöglicht den Freiraum, diese auszutauschen, die abweichenden Repräsentationen anderer Menschen trotzdem wertzuschätzen und mit unterschiedlichen Herangehensweisen/Paradigmen zu spielen.
Eigentlich unerlässlich um Wissenschaft, Politik oder ein sonstiges kulturelles Spiel angemessen mitspielen zu können.